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Warum Russland kein „A“-Rating verdient

Veröffentlicht in The Moscow Times
Von Andrej Borodin

Weltweit diskutieren politische Entscheidungsträger, Banker und Analysten heftig über die Rolle der großen Ratingagenturen. Diese Diskussion entbrannte, nachdem wir Anfang der 2000er Jahre Zeuge ihrer Inkompetenz bei der Bewertung besicherter Finanzinstrumente waren. Laut dem Bericht der Untersuchungskommission zur Finanzkrise der Vereinigten Staaten von Amerika (FCIC) für das Jahr 2011 waren sie die „Hauptauslöser der Finanzkrise“ der Jahre 2007 und 2008. Die Entscheidung von Standard & Poor’s, die Kreditwürdigkeit der USA herabzustufen, hat die Diskussion vor kurzem neu entfacht.

Internationale Anleger reagierten auf das Downgrade vor allem durch den Kauf von US-Treasuries. Es bot jedoch dem russischen Finanzministerium die Möglichkeit, sich auch an der Diskussion zu beteiligen und die Agenturen für die niedrige Bewertung der Bonität Russlands zu kritisieren. So ließ das Ministerium verlauten, dass die Verbesserung des Ratings auf die Note „A“ Priorität der Regierung sei. Diese Erklärung lässt sich zweifellos auf die Aussage des russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin vom 13. Juli zurückführen, dass die Vergabe eines derart niedrigen Ratings an Russland ein „Skandal“ sei.

Meiner Meinung nach kann die Kreditwürdigkeit eines Landes, in dem 60 Prozent des Staatshaushaltes von Rohstoffpreisen abhängig sind, erst dann höher eingestuft werden, wenn diese Abhängigkeit auf ein annehmbares Niveau verringert worden ist.

Fitch bewertet Russland mit der Note „BBB“ und einem positiven Ausblick, S&P vergibt ein „BBB“-Rating mit einem stabilen Ausblick und Moody’s beurteilt das Land mit der Note „Baa1“ und einem stabilen Ausblick. Diese Subprime-Ratings erschweren und verteuern der Regierung die Kreditaufnahme.

Wie wir in der Eurozone gesehen haben, wirken sich Bedenken in Bezug auf die Kreditwürdigkeit der Regierung auch auf die Kreditwürdigkeit der inländischen Banken aus, in deren Bilanzen Staatsschulden in erheblicher Höhe zu finden sind, wodurch es für diese Banken ebenfalls teurer wird, Kredit aufzunehmen.

Die Kosten für die Kreditbeschaffung werden für die Regierung in den nächsten zweieinhalb Jahren ein entscheidendes Problem darstellen, wenn sie versucht, das Haushaltsdefizit möglichst gering zu halten. Der Plan des Finanzministeriums für die Emission neuer Schuldtitel in den Jahren 2012 bis 2014 wurde am 11. August genehmig und beläuft sich jährlich auf mehr als 2 Billionen Rubel (70 Milliarden US-Dollar) für inländischen Staatschulden sowie jährlich auf weitere 200 Milliarden Rubel für neue Auslandsschulden.

Diese Neuemission ergibt sich teilweise aus den niedrigen Ölpreisen. 2010 betrug das Defizit 3,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und die Regierung schätzt, dass das Defizit in diesem Jahr auf 3,6 Prozent fallen wird. Der Haushaltsplanentwurf für die Jahre 2012 bis 2014, der derzeit vom Kabinett fertig gestellt wird, beruht auf der Annahme, dass der Durchschnittspreis für Rohöl aus dem Ural weiterhin zwischen 93 und 97 US-Dollar je Barrel liegen wird. Somit wird das Staatshaushaltsdefizit jährlich zwischen 2,3 Prozent und 2,7 Prozent des BIPs betragen. Das Finanzministerium fügte noch hinzu, dass sich die Rohölpreise in diesem Zeitraum durchschnittlich auf 125 US-Dollar je Barrel belaufen müssten, um einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen.

Natürlich liegt dies weit unter den Haushaltsdefiziten der Vereinigten Staaten von Amerika und europäischen Staaten, weshalb das Finanzministerium die Auffassung vertritt, dass die Bonität Russlands erneut bewertet werden sollte, und verwies dabei auf die Staatsschuldenquote von nur 9,3 Prozent. Selbst laut dem Plan für die Emission neuer Schuldtitel wird das Verhältnis bis Ende 2014 nur auf knapp 17 Prozent ansteigen.

Ein weiteres Argument für die Neubewertung sei, dass Russland einen deutlichen Handelsüberschuss verzeichne, der sich laut Daten, die am 10. August veröffentlicht wurden, allein im Monat Juni auf 17,4 Milliarden US-Dollar belief.

The Moscow Times schrieb in ihrem Leitartikel vom 10. August mit dem Titel „Russland und die USA haben einen gemeinsamen Feind: S&P” Folgendes: „Trotz der ausgezeichneten Zahlen des neuen, vom Finanzministerium vorgelegten Berichtes konnte die Regierung das Risikoniveau der russischen Rahmenbedingungen für Investitionen nicht senken, weil sie die Korruption florieren ließ, wenig zur Wahrung der Unabhängigkeit der Gerichte unternahm und sich hartnäckig an intransparenten Regierungsmethoden festklammert, weshalb sich nun viele Anleger unter anderem die Frage stellen, wer bei der nächsten Präsidentschaftswahl kandidieren wird, die in weniger als sieben Monaten stattfindet.“ Angesichts meiner eigenen persönlichen Erfahrungen sowie der stark politisierten und illegalen Übernahme der Bank of Moscow durch die VTB kann ich dem nur zustimmen.

Während sich Putin das Kreditrating des Landes als skandalös beklagt, so sind es die Politiker und das mangelhafte System, die größtenteils Probleme verursachen.

Der Reaktion auf die Herabstufung der USA nach zu urteilen würden die internationalen Anleger einem Upgrade Russlands vermutlich nur wenig Beachtung schenken. Allerdings würden sie sehr wohl einer freien und fairen Wahl eines Präsidenten Beachtung schenken, der in Russland internationale Grundsätze der Unternehmensführung, Transparenz und das Recht der freien Meinungsäußerung gewährleisten kann.

Die Einführung einer unabhängigen Judikative und des Prinzips der Rechtsstaatlichkeit könnte das wirksamste Mittel sein, um das Vertrauen in die Kreditwürdigkeit Russlands als sicherer Hafen für ausländische Investitionen wieder zu beleben.