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Wladimir Krasnow, Andrej Borodins Anwalt: „Offiziell“ oder „zuverlässig“ – Das ist hier die Frage

Am 19. Juli sprach ich davon, dass die „Akte“ anhand der Berichterstattung in den Medien als eine mögliche Verteidigung der Interessen meines Klienten, Andrej Borodin, untersucht werden müsse. Ich äußerte die zaghafte Hoffnung, dass nach Abschluss der Wirtschaftsprüfung der Bank of Moscow durch die Zentralbank endlich eine ernsthafte Diskussion über die Situation in der und um die Bank of Moscow sowie über die Gründe für, die Lehren aus und die Konsequenzen dieses angeblichen Unternehmenskonfliktes beginnen würde.

Da ich nach wie vor nicht die Möglichkeit habe, meine beruflichen Pflichten in vollem Umfang zu erfüllen, lese ich also einfach weiterhin Zeitung.

In der Tat scheint es so, als ob es einige Fortschritte gibt.

Beweise dafür sind für mich aus dem Leitartikel der Zeitung Wedomosti vom 20. Juli ersichtlich. Ich stimme dem Redakteur voll und ganz zu, dass es nun an der Zeit sei, von emotionalen Stellungnahmen und unbegründeten Behauptungen zu einer konkreten Konversation überzugehen, die wirtschaftlich orientiert ist und auf Rechtsvorschriften basiert. Dieser Artikel mit dem Titel „Ein schwarzes Loch“ schafft den passenden Kontext dazu.

Es ist zutreffend darauf hingewiesen worden, dass die Lage der Bank of Moscow künstlich so dargestellt wurde, als ob es keine Alternative zu den umfangreichen Staatszuschüssen an die VTB Bank gäbe.

Natürlich gibt es auch noch andere Lösungen.

Im vorgehenden Artikel werden einige dieser Alternativen beschrieben. Es ist erfreulich, dass die Möglichkeit der strafrechtlichen Verfolgung, die für einige nichts weniger als ein Allheilmittel zu sein scheint, darin nicht erwähnt wird.

Der Redakteur stellt folgende Frage völlig zu Recht: „Wofür zahlen wir diesen Preis und wo sind eigentlich die Gelder geblieben, die nun der Staatshaushalt ersetzen muss?“

Im Gegensatz zu den Kritikern von Andrej Borodin werde ich nicht mit dem Finger auf irgendjemanden zeigen. Meine Aufgabe ist die Verteidigung und nicht die Anklage. Allerdings war es mir nicht möglich, die Frage zu ignorieren, „wer davon profitiert“, die Hysterie um Andrej Borodin zu entfachen.

Mit dem Vorbehalt, dass es sich hierbei um die offizielle Version handle, erinnert der Redakteur den Leser an Folgendes: „Er (Andrej Borodin) vergab eigenmächtig für seine eigenen Bedürfnisse Kredite. Dazu gehörte unter anderem auch, Aktien der Bank of Moscow zu kaufen, die anschließend mit einem Gewinn an die VTB verkauft wurden.”

Dieser Vorbehalt ist ziemlich aufschlussreich: In der öffentlichen Wahrnehmung sind die Begriffe „offiziell“ und „zuverlässig“ schon lange keine hundertprozentigen Synonyme mehr. Wer ist die Zielgruppe der Aussage, dass Andrej Borodin „eigenmächtig Kredite vergab“ und dies sogar „für seine eigenen Bedürfnisse“? Und, als wenn dies tatsächlich ein derartiges Bedürfnis war, wird auf den Kauf der Aktien hingewiesen, „die anschließend mit einem Gewinn an die VTB verkauft wurden“. An dieser Stelle würde ich gerne darauf hinweisen, dass Andrej Borodin keine Aktien an die VTB verkauft hat. Ganz im Gegenteil, denn er bot öffentlich an, diese Aktien der VTB abzukaufen. Ich hoffe, dass der Vorbehalt des Redakteurs dessen Auffassung widerspiegelt, wie unzuverlässig diese „offizielle Version“ doch ist.

Nachfolgend finden Sie noch weitere Medienberichte, die meiner Meinung nach dazu beitragen, eine viel realistischere Version der Geschichte verstehen zu können.

20. Juli 2011 auf der Website Finmarket.ru:

„Laut G. Melikian (stellvertretender Vorsitzender der russischen Zentralbank) hat die Zentralbank der Russischen Föderation die Prüfberichte und die Aufzeichnungen der Geschäftsleitung der alten Bank of Moscow analysiert. ‚Sie verwiesen auf Defizite der Bank, nicht auf Probleme‘, so Melikian. ;Die Bank agierte als Kreditgeber für verbundene Unternehmen, insbesondere für [Unternehmen, die sich im Besitz von] Personen [befinden], die Beziehungen zur früheren Moskauer Regierung haben‘, erklärte Melikian.”

Darauf sollte in jedem Fall hingewiesen werden, oder etwa nicht?

Auch der Umfang und die Art der Überwachung beunruhigt die Redakteure der Zeitung Wedomosti, und nicht nur diese. Die Wortwahl bezüglich der Kreditvergabe an „verbundene Unternehmen“ ist tatsächlich ziemlich amüsant. Ist es vielleicht möglich, dass anhand dieses Kriteriums strafrechtliche Verfahren gegen die Leitung einer Vielzahl von Banken eingeleitet werden, vor allem gegen diejenigen, in deren Namen Worte wie Gasprom oder RZhD [staatliche Bahngesellschaft der Russischen Föderation] enthalten sind? Außerdem bin ich gespannt, an wen sich nach Ansicht Melikians von nun an Unternehmen mit Beziehungen zur neuen Moskauer Regierung wenden sollen, um Kredite zu erhalten?

Ich kann eigentlich nur einer weiteren Lebensweisheit des stellvertretenden Vorsitzenden der Zentralbank Russlands Beachtung schenken:
„Eine feindliche Übernahme ist schlecht für eine Bank, aber in diesem Fall hat ein Unternehmen eine Beteiligung erworben, die größer ist als Ihre. Warum sollten wir also die Sicherheit [aus den Büchern] ausbuchen?“ so Melikian.

Ich habe irgendwo gehört, dass die Einhaltung der Lehren Leo Tolstois in der Geschäftswelt nicht gerade den üblichen Geschäftspraktiken entspricht und dass sogar die Charta der Vereinten Nationen das Recht auf Selbstverteidigung anerkennt.

19. Juli 2011 auf Radio Business FM:

„Nach einer Schätzung von Herbert Moss, dem Finanzvorstand der VTB, wird die russische Staatsbank für die hundertprozentige Übernahme der Bank of Moscow mit ca. 258 Milliarden Rubel rechnen müssen. Auch Andrej Borodin erwähnte im Februar dieses Jahres einen Betrag in ähnlicher Höhe. Zu diesen Zeitpunkt sprachen sowohl die VTB als auch die Moskauer Regierung noch von maximal zweihundert Milliarden US-Dollar. Vielleicht wäre jetzt alles viel einfacher, wenn damals eine Einigung erreicht worden wäre. Statt einen Gegner komplett aufzukaufen, müssen nun eine Hand voll Verbündete aufgekauft werden. Obwohl dies vielleicht für die VTB gar nicht so schlecht wäre, wie Mark Rubinstein, Direktor der Forschungsabteilung der Investment- und Finanzgesellschaft Metropol, erwähnt: ‚Ich glaube, dass die VTB in der Lage sein wird, weitere 25 % der Aktienanteile an der Bank of Moscow von Minderheitsaktionären zu günstigen Bedingungen aufzukaufen, da dies den Minderheitsaktionären zum jetzigen Zeitpunkt sehr entgegenkommen wird’.”

Nun ja, dies trifft voll und ganz zu.

Einerseits wären durch die Annahme des öffentlichen Angebots von Andrej Borodin, das Problem auf seine eigenen Kosten zu lösen, ein Angebot, auf das die radikale Aufstockung der gegen ihn eingeleiteten strafrechtlichen Verfahren folgte, vermutlich enorme Haushaltsgelder mobilisiert worden, die für spezielle Zwecke hätten verwendet werden können. Andererseits, und hier kommt das wirtschaftliche Interesse, erweist sich die Übernahme der Bank of Moscow als ziemlich gewinnbringend für die VTB (nur für die VTB?).

Auch wenn, wie aus einem Beitrag vom 21. Juli in der Zeitung Wedomosti über den Appell des Aktionärs Wassili Sidorows an die Leitung der VTB ersichtlich wird, keineswegs jeder über diesen Geschäftsabschluss erfreut ist.

Darum mache ich mir allerdings keine Sorgen.

Wenn die wichtigsten Interessenten die auf ihrer Tagesordnung stehenden Punkte behandelt haben, dann ist es vielleicht jetzt an der Zeit, die eingeleiteten Strafverfahren wieder herunterzufahren? Insbesondere, damit die offizielle Version der Vorwürfe gegen Andrej Borodin…

Nun ja, das können Sie ja weiter oben nachlesen.

Die ursprüngliche Version wurde in russischer Sprache in Wladimir Krasnows Blog auf der Website von Echo Moskwy veröffentlicht.