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Übernahme der Bank of Moscow durch die VTB

Die Lage der russischen Staatsbank VTB und der Bank of Moscow wird nach der Übernahme der Mehrheitsbeteiligung an der Bank durch VTB Ende Februar von Tag zu Tag komplizierter. Die Handlungen und Stellungnahmen der Staatsbank werden immer widersprüchlicher. Die Position mag aus kommerzieller Sicht vielleicht unverständlich erscheinen, dies spiegelt jedoch die Tatsache wider, dass der Hauptbeweggrund hinter diesem Kontrollwechsel bei der Bank of Moscow auf politische Gründe zurückzuführen ist.
Diese Sichtweise wird in den jüngsten Medienberichten widergespiegelt, denen zufolge es Analysten internationaler Banken zunehmend schwer fällt, aussagekräftige Analysen über die Bank of Moscow zu erstellen, da diese durch den Geschäftsabschluss mit der VTB in „eine Grauzone der russischen Politik“ geraten ist.

Altbekanntes über die Bank of Moscow

Die Bank of Moscow fing als ganz kleines Unternehmen an. Alles begann im März 1995, als die Moskauer Stadtregierung eine Aktiengesellschaft mit dem Namen „Moscow Municipal Bank – Bank of Moscow“ gründete, die sich zu 51 % im Besitz der Stadt befand und lediglich sechs Mitarbeiter beschäftigte. In den darauffolgenden 16 Jahren entwickelte sich die Bank of Moscow dank der soliden Leitung unter ihrem Präsidenten Andrej Borodin und einer klaren Geschäftsvision zu einem bedeutenden Finanzinstitut und einer wichtigen Universal- und Geschäftsbank in Russland, die ihren Kunden das gesamte Spektrum an Bankdienstleistungen anbieten konnte und ca. 9.000 Mitarbeiter beschäftigte.
Zwischen 1996 und 2003 stieg die Bank of Moscow in der Liste der erfolgreichsten russischen Banken von Platz 47 auf Platz 8. Unter der Leitung von Andrej Borodin war die Bank of Moscow ab 2007 eine der wenigen Banken in Russland, die über ein Investment Grade Rating verfügten, so dass im August 2006 J. P. Morgan International Finance Limited, eine Tochtergesellschaft von JPMorganChase, ein Minderheitsaktionär der Bank of Moscow wurde. Darüber hinaus erwarben Goldman Sachs und die Credit Suisse Group AG 2010 jeweils eine Beteiligung in Höhe von 3,88 Prozent bzw. 2,77 Prozent an der Bank of Moscow.

Die zunehmende Unabhängigkeit der Bank of Moscow

Die Bank of Moscow wuchs kontinuierlich, indem sie immer unabhängiger von der Stadtregierung wurde und Finanz- und Bankdienstleistungen entwickelte, die für eine Universal- und Geschäftsbank charakteristisch sind. Viele dieser Dienstleistungen benötigte oder nutzte die Stadt Moskau nicht. 2008 wurde die Beteiligung der Stadtregierung an der Bank von 51 % auf 44 % reduziert und die Anzahl der Vertreter der Moskauer Stadtregierung im Vorstand der Bank of Moscow von neun auf sieben (von insgesamt 13) Mitglieder gesenkt. Der Leitung der Bank wurden weitreichende zusätzliche Befugnisse übertragen, um ihre größere Verantwortung und Unabhängigkeit widerzuspiegeln. Infolgedessen konnte die Bank zunehmend eine disziplinierte, unabhängige und geschäftsorientierte Unternehmensstrategie verfolgen.
Der Erfolg der Bank of Moscow kann insbesondere der Einhaltung bewährter Bankenpraktiken sowie den strengen, offenen und transparenten internen Verfahrensweisen zugeschrieben werden, die auf alle Darlehen in Höhe von mehr als 10 Millionen US-Dollar angewandt wurden. Jedes Darlehen in dieser Größenordnung musste durch den Kreditausschuss im Anschluss an eine Sitzung bewilligt werden, in der der beauftragte Risikomanager seine Einschätzung möglicher Risiken abgab und Vertreter der anderen Abteilungen der Bank ihre Meinungen äußerten. Ein Darlehen wurde nur dann vom Kreditausschuss gewährt, wenn die Stimmenmehrheit der Mitglieder dieses Ausschusses vorlag. Dabei behielt sich Andrej Borodin in seiner Funktion als Präsident der Bank jederzeit das Recht vor, ein Darlehen abzulehnen (jedoch nicht zu fördern), falls er der Meinung war, dass dieses nicht den wirtschaftlichen Interessen der Bank entspreche.

Politische ‚Rundumerneuerung‘ in Moskau

Aus den vorgenannten Gründen war die Bank of Moscow in kommerzieller Hinsicht erfolgreich und attraktiv, was auch durch die Beteiligung führender ausländischer Investmentbanken an der Bank bestätigt wird. Die jüngsten Veränderungen im Hinblick auf die Leitung, Kontrollverhältnisse und vor allem die Geschäftspolitik der Bank lassen sich jedoch eher auf politische als auf wirtschaftliche Beweggründe zurückführen.
Zum einen hieß es, als der langjährige Bürgermeister Luschkow abgelöst wurde, dass die Stadt Moskau die Leitung der Bank umbesetzen und die mehrheitliche Kontrolle über die Bank of Moscow wiederherstellen wollte. Dabei handelte es sich nicht um eine wirtschaftlich motivierte Reaktion, sondern um eine politische Agenda, die zunehmende Autonomie, die die Grundlage für den Erfolg der Bank of Moscow bildete, wieder rückgängig zu machen.

Zum anderen unternahm der Kreml im November 2010 Schritte: Alexej Kudrin, der Vizeministerpräsident und Finanzminister Russlands, gab bekannt, dass die VTB daran interessiert sei, die Bank zu kaufen. Es wurde vorgeschlagen, dass die Aktien der Stadt Moskau an der Bank of Moscow an die VTB verkauft werden sollen und die VTB damit die Kontrolle über die Bank of Moscow erwerben und die Bank konsolidieren würde. Die VTB ist zwar eine Bank und keine Behörde, aber bekanntlich ist sie ‚die Bank des Kreml‘. Abermals handelte es sich bei diesem Vorschlag schlicht und einfach um eine rein politische Initiative, die nicht auf wirtschaftlichen Motiven beruhte.

Die VTB befindet sich zu 75,5 % in Staatsbesitz. Der elfköpfige Aufsichtsrat unter dem Vorsitz von Alexej Kudrin, Vizeministerpräsident und Finanzminister, wird von prominenten Regierungsvertretern wie Anna Popowa unterstützt, der stellvertretenden Stabschefin der Regierungsstelle, die dem Ministerpräsidenten und dessen Stellvertretern direkt unterstellt sind. Wie die VTB in ihrem Prospekt für die Ausgabe von GDRs (Global Depository Receipts) sowohl 2007 als auch 2011 erkannt hat, so ‚kann die Russische Föderation maßgeblichen Einfluss auf die Aktivitäten des Konzerns [VTB] ausüben und unter Umständen auch Maßnahmen in Bezug auf die Geschäfte des Konzerns ergreifen, die möglicherweise nicht im besten Interesse der Konzerns oder deren Minderheitsaktionären sind‘.

Die Art und Weise, auf die die VTB die Beteiligung der Stadt Moskau an der Bank of Moscow erwarb, bestätigt, dass es sich dabei nicht um ein normales Handelsgeschäft handelte. Der Stadt Moskau ging es schlechthin nicht darum, den Höchstpreis für den Verkauf ihrer Aktien an die Staatsbank VTB erzielen. Die Stadt Moskau lehnte es ab, eine Ausschreibung für den Verkauf ihrer Aktien (wie im Privatisierungsgesetz vorgeschrieben) durchzuführen und dies trotz des bekundeten Interesses der Alfa Group, Kaufangebote abgeben zu wollen, was den erzielten Preis sicherlich noch weiter nach oben getrieben hätte. Die zu 75 % in Staatsbesitz befindliche VTB war gleichermaßen eine ungewöhnliche Partei bei der Privatisierung der bisher im Besitz der Stadt befindlichen Aktien der Bank of Moscow.

Da die VTB die im Besitz der Stadt Moskau befindlichen Aktien kaufte, änderte sie ihre ‚Strategie‘ erneut. Abweichend von ihrer ursprünglichen Intention, die Bank of Moscow zu 100 % zu erwerben, plante sie nun, die Bank mit der Unterstützung weiterer Aktionäre zu betreiben. Auch dieser Schritt der VTB lässt sich aus wirtschaftlicher Sicht nicht erklären. Es ist jedoch beachtlich, dass die VTB über den politischen Einfluss verfügte, die Unterstützung derjenigen nützlichen Aktionäre zu erhalten, die die Stadt Moskau nicht hatte gewinnen können: Der Vorstand der VTB hat doch sicherlich einige hilfsbereite Freunde.

Ab dem Zeitpunkt, zu dem die VTB die Beteiligung der Stadt in Höhe von 46,6 % an der Bank of Moscow erworben und die ehemalige Führungsetage der Bank verdrängt hatte, besetzte die VTB die Unternehmensleitung mit ihren eigenen Mitarbeitern und behandelte die Bank of Moscow in der Praxis wie eine hundertprozentige Tochtergesellschaft, ohne sich darum kümmern zu müssen, eine Mehrheitsbeteiligung oder alle Aktien der Bank zu gewinnen und diese durch einen Mehraufwand zu erwerben. Ein wesentliches Merkmal der ‚Kontrolle ohne eigentliche Kontrolle‘ war die ‚Übernahme‘, oder besser gesagt der ‚erleichterte Ankauf‘ der Anteile von Andrej Borodin in Höhe von 20,3 %. Es ist offensichtlich, dass dies nicht durch das Befolgen rein wirtschaftlicher Motive erreicht werden konnte, dafür wird abermals das gewünschte politische Ziel deutlich.

Der Staat als Retter?

Vielleicht kann ja eine Analyse unter politischen und nicht unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten dazu beitragen, die mysteriösen Probleme zu aufzuklären, die die Leitung der VTB erkannt hat, seit sie die Kontrolle über die Leitung der Bank of Moscow übernommen hat…

Denn als Andrej Kostin, der Präsident der VTB, bekannt gab, dass die Bank of Moscow ‚in großen Schwierigkeiten‘ sei, und die Leitung der VTB auf angebliche Probleme in den Kreditbüchern und den Bedarf an staatlichen Beihilfen in nicht unerheblicher Höhe hinwies, die den Kaufpreis überschritten, den die VTB für die im Besitz der Stadt Moskau befindlichen Aktien der Bank of Moscow gezahlt hatte, stand dies doch in deutlichem Widerspruch zu den Bewertungen der Bank of Moscow, nicht nur seitens ihrer Wirtschaftsprüfer und ehemaligen Leitung, sondern auch von führenden Investmentbanken aus dem Ausland, die Aktien an der Bank of Moscow hielten.
Beurteilt man die Situation anhand von wirtschaftlichen Aspekten, so ist es gleich in zweierlei Hinsicht erstaunlich, dass die VTB dennoch nicht einwilligte, jene Beteiligung der VTB zum gleichen Preis, den die VTB dafür gezahlt hatte, an Andrej Borodin weiterzuverkaufen. Dabei handelte es sich um ein Angebot, das Andrej Borodin am 22. März 2011 machte und bis zu dessen Ablauf am 08. April 2011 nicht zurückzog.
Für die VTB und diejenigen Aktionäre, mit deren Hilfe die VTB die Bank of Moscow betreiben kann, ist es anscheinend zweckdienlicher, staatliche Beihilfen zu beantragen und die Negativschlagzeilen hinzunehmen, die dieser Schritt sowohl für die Bank of Moscow als auch für die VTB selbst mit sich bringt, als die von wirtschaftlichen Motiven motivierte Variante zu wählen, d.h. die ‚plötzlich riskanten‘ Aktien der Bank of Moscow zu dem Preis zu verkaufen, zu dem man sie erworben hatte.

Für die ‚Bank des Kremls‘ gelten dann aber scheinbar doch andere wirtschaftliche Grundprinzipien.